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Bachfesttage Köthen – PWA

(32) BachCollektiv: Haus- & Hofmusik

02Sep.19:0020:1519:00 - 20:15(GMT+02:00)(32) BachCollektiv: Haus- & Hofmusik

Veranstaltungsdetails

Miriam Feuersinger (Sopran)
Köthener BachCollektiv
Midori Seiler (Solovioline)
Clara Blessing (Oboe)

Haus- und Hofmusik von Bach: In diesem Jahr beleuchtet das gefeierte Festivalensemble Musik von Bach, die für den privaten oder höfischen Gebrauch geschrieben wurde. Dabei stehen auch Rekonstruktionen von Instrumentalkonzerten im Mittelpunkt.

PROGRAMM

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Partita a-Moll für Flöte solo (BWV 1015)
Allemande

Gottfried Heinrich Stölzel (1690 – 1749)
»Bist du bei mir, geh ich mit Freuden«

Johann Sebastian Bach
Konzert für Oboe d‘amore, Streicher und B.c. D-Dur (BWV 1053R)
[keine Tempobezeichnung] – Siciliano – Allegro

Aria: »Ich habe genug« aus Kantate „Ich habe genug“ (BWV 82a)

Konzert für Violine, Streicher und B.c. g-Moll (BWV 1056R)
[keine Tempobezeichnung] – Largo – Presto

»Non sa che sia dolore«
Kantate für Sopran, Traversflöte, Streicher und Basso continuo (BWV 209)

1. Sinfonia
2. Rezitativ: »Non sa che sia dolore«
3. Arie: »Parti pur e con dolore«
4. Rezitativ: »Tuo saver al tempo«
5. Arie: »Ricetti gramezza e pavento«

Köthen war für Johann Sebastian Bach ein Ort höchster musikalischer Erfüllung. Dank der Musikliebe des Fürsten Leopold und eines hervorragend disponierten Hoforchesters hat er in den reichlich fünf Jahren seiner Kapellmeisterzeit viele glanzvolle Kompositionen verfasst. Gleichzeitig erlebte Bach in Köthen aber auch persönliche Höhen und Tiefen: Seine erste Ehefrau Maria Barbara starb 1720, während sich Bach auf einer Dienstreise im Kurort Karlsbad befand. Ein reichliches Jahr später heiratete Bach dann erneut. Seine zweite Frau war die Köthener Hofsängerin Anna Magdalena Wilcke.

Für seine frisch angetraute Ehefrau legte Bach in den Jahren unmittelbar danach zwei »Klavierbüchlein« an. Im leider nur fragmentarisch erhaltenen Band von 1722 sind unter anderem die Erstfassungen von fünf »Französischen Suiten« notiert, darüber hinaus noch einige weitere Werke für Tasteninstrumente.

Das Notenbuch von 1725 eröffnete Bach mit zwei großen Cembalopartiten, in den folgenden Jahren fügten dann er, seine Frau und seine Kinder weitere Stücke hinzu, so dass der Band bis 1740 auf insgesamt 41 Arien, Choräle und Cembalostücke anwuchs. Zu den Glanzpunkten der Sammlung zählt die ruhige, besinnliche Arie »Schlummert ein, ihr matten Augen« aus der 1727 entstandenen Kantate »Ich habe genung« (BWV 82a). Anna Magdalena Bach übertrug sie persönlich in das Klavierbüchlein, es liegt also auf der Hand, dass sie diese Arie auch selbst in häuslichen Aufführungen gesungen hat. Aber auch die kurze Arie »Bist du bei mir« aus einer Oper von Gottfried Heinrich Stölzel ist Bestandteil des Klavierbüchleins für Anna Magdalena Bach.

Die Beschäftigung mit dem Orchesterwerk von Johann Sebastian Bach gleicht oft einer mühevollen Puzzlearbeit. Zwar sind etliche Kompositionen, wie etwa die sieben Cembalokonzerte, im Autograph erhalten, allerdings gehen viele dieser Werke auf heute verschollene Frühfassungen zurück, die Bach in Weimar oder Köthen schrieb. Weitere Spuren dieser frühen Konzerte finden sich in Leipziger Kantaten. Bach hat hier ehemalige Konzertsätze zu instrumentalen Sinfonien oder auch Arien und Chorsätzen umgearbeitet und dabei wiederum die Soloinstrumente verändert. Aus den vorhandenen Quellen können – mit gewissen Vorbehalten – Rückschlüsse auf die Besetzung und Zusammenstellung der Originalfassungen gezogen werden.

So könnte das Cembalokonzert E-Dur (BWV 1053) auf ein verschollenes Oboenkonzert F-Dur zurückgehen. Alle drei Sätze finden sich übrigens auch mit Orgel-Soli in Kantaten des Jahres 1726 (»Gott soll allein mein Herze haben« BWV 169 und »Ich geh und suche mit Verlangen« BWV 49). Im Falle des Cembalokonzerts f-Moll (BWV 1056) dagegen wird als Ursprungsversion ein Violinkonzert in g-Moll vermutet.

Ein besonders schönes Beispiel für den italienischen Einfluss in Bachs Kompositionen ist die Kantate »Non sa che sia dolore« (BWV 209). – Allerdings stellt sich die Entstehungsgeschichte dieses Werkes keineswegs eindeutig dar. Der vertonte Text stiftet dabei mit seinen verklausulierten und obendrein in schlechtem Italienisch verfassten Formulierungen eher Verwirrung, als dass er zur Aufklärung beitragen könnte: Besungen wird der schmerzliche Abschied eines jungen Gelehrten, der in sein Vaterland zurückreist, um diesem zu dienen. Als einziger lokaler Hinweis erscheint im zweiten Rezitativ die Stadt Ansbach, an deren Hof der vielversprechende Gelehrte offenbar überaus geschätzt wurde. Nähere Untersuchungen der Textstruktur ergaben, dass der unbekannte Kantatendichter einige Zitate aus damals populären Opernlibretti in seinen Text einfließen ließ.

Wem allerdings diese Abschiedsmusik zugeeignet wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Einige Argumente sprechen für Lorenz Albrecht Beck, einem gebürtigen Ansbacher, der von 1743 bis 1747 zum Studium in Leipzig weilte und zu seinem Abschied mit dieser kleinen Kantate überrascht worden sein könnte.

Die Autorschaft Johann Sebastian Bachs gilt als sicher, auch wenn die Kantate lediglich in einer Abschrift aus dem späten 18. Jahrhundert überliefert ist. Die ausladende Sinfonia für Streicher und Traversflöte mit ihren harmonischen und rhythmischen Feinheiten enthält auffallende Parallelen zu den reifen Instrumentalkonzerten Bachs. In den beiden Arien vertieft Bach mit seiner Vertonung den Inhalt des Textes: So überwiegt in der ersten Arie (»Parti pur e con dolore«) mit Seufzern der schmerzhafte Abschied, während die zweite Arie (»Ricetti gramezza e pavento«) einen lebhaft-tänzerischen Akzent setzt.

Weitere Informationen zu den Mitwirkenden:
https://www.bachfesttage.de/bachfesttage/bachcollektiv/
https://www.miriam-feuersinger.info/
http://midoriseiler.de/web/
https://www.mayumihirasaki.com/vita
https://www.clarablessing.de/home

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Ich habe genug

Ich habe genug,
ich habe den Heiland, das Hoffen der Frommen,
auf meine begierigen Arme genommen;
Ich habe genug!
Ich hab ihn erblickt,
mein Glaube hat Jesum ans Herze gedrückt,
nun wünsch ich noch heute mit Freuden
von hinnen zu scheiden:
Ich habe genug!

Non sa che sia dolore
1. Sinfonia

2. Rezitativ
Non sa che sia dolore
chi dall’amico suo parte e non more.
Il fanciullin’ che plora e geme
eEd allor che più ei teme,
vien la madre a consolar.
Va dunque a cenni del cielo,
adempi or di Minerva il zelo.

Wer vom Freunde scheidet und nicht stirbt,
weiß nicht, was Schmerz ist.
Wenn das Kind weint und leidet,
und wenn seine Furcht am größten ist,
kommt die Mutter, es zu trösten.
Gehe also auf Geheiß des Himmels,
tue nun, was Minerva verlangt.

3. Arie
Parti pur e con dolore
lasci a noi dolente il core.
La patria goderai,
a dover la servirai;
varchi or di sponda in sponda,
propizi vedi il vento e l’onda.

Scheide denn, und lass uns
in Schmerz und mit wehem Herzen zurück.
Freue dich des Vaterlandes,
diene ihm gebührlich.
Du fährst nun von Gestade zu Gestade,
günstig sind dir der Wind und die Wellen.

4. Rezitativ
Tuo saver al tempo e l’età constrasta,
virtù e valor solo a vincer basta.
Ma chi gran ti farà più che non fusti
Ansbaca, piena di tanti Augusti.

Deine Gelehrsamkeit ist der Zeit und deinem Alter voraus.
Tugend und Wert allein gereichen dir schon zum Sieg.
Doch wer wird dich noch größer machen,
als du bereits warst?
Ansbach ist es, voll der erhabenen Herren.

5. Arie
Ricetti gramezza e pavento,
qual nocchier, placato il vento,
più non teme o si scolora,
ma contento in su la prora
va cantando in faccia al mar.

Weise von dir Kummer und Furcht,
wie der Steuermann, wenn der Wind sich gelegt hat,
sich nicht länger fürchtet und nicht erbleicht,
sondern zufrieden am Bug steht
und singend dem Meer begegnet.


Foto: Henner Fritzsche

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