(11) All Ein: Serra Tavsanli
30Aug.15:0015:4515:00 - 15:45(GMT+02:00) 0 Like(11) All Ein: Serra TavsanliSerra Tavsanli (Klavier)
Veranstaltungsdetails
Für die in Istanbul aufgewachsene Pianistin Serra Tavsanli bedeutet Bachs Musik ein sicherer Ort der Freiheit. In einem sehr persönlichen Text beschreibt sie diese außergewöhnliche
Veranstaltungsdetails
Für die in Istanbul aufgewachsene Pianistin Serra Tavsanli bedeutet Bachs Musik ein sicherer Ort der Freiheit. In einem sehr persönlichen Text beschreibt sie diese außergewöhnliche Beziehung:
„Irgendwann wurde Bachs Musik für mich ein Ort, der nichts mehr mit meinem bisherigen Leben zu tun hatte. An diesem Ort durfte ich täglich neu beginnen, hier wurde ich jeden Tag ermutigt. Hier konnte ich meine Furcht besiegen, Zweifel ausräumen, meine Stärke finden und fühlen, mir selbst begegnen. Ich konnte mich entfalten, emanzipieren, meine eigenen Ideen verfolgen, Vertrauen gewinnen und immer ganz sicher sein: Die Dinge fügen sich.
Bis ich diesen Ort entdeckt habe, war alles anders. Ich bin geborene Muslime, in Istanbul zur Welt gekommen. Und aufgewachsen in einem Dickicht von Regeln: Dies darfst Du nicht tun, jenes darfst Du nicht denken, dort gehst Du auf keinen Fall hin. Selbst in meiner musikalischen Ausbildung, in der ich früh auf Bach gestoßen bin, standen die Regeln im Vordergrund. Alles war vorgegeben.
Mit 10 Jahren kam ich das erste Mal nach Deutschland, ganz allein. Wagemutig, doch sehr jung und unerfahren. Ich wollte mehr lernen über die Musik und die Kultur, die ich so liebe. Mit 19 Jahren verließ ich zum Studium in Deutschland endgültig meine Familie, meine Identität und meine Gewissheiten, die mir seit der Geburt ungefragt gegeben worden sind. Und plötzlich stand ich da.
EIN SAM
Um mich zu integrieren, mit der Umgebung zu verschmelzen, musste ich mich zeigen, mich offenbaren. Mit anderen Worten: mich verwundbar machen. Jeder hat eine Geschichte, davon bin ich sehr überzeugt. Meine Geschichte hatte einen Ursprung: ALL EIN und EIN SAM sein. Durch diese Geschichte hatte ich einen Zugang gefunden zu einer Welt, die mir bislang verborgen geblieben war. Diese Welt legte Schicht für Schicht mein Bewusstsein frei, als Frau und als Künstlerin, die ihre Stimme fand. Meine Stimme wurde mein neuer Klang, meine Sprache diente, um alles zu erzählen. Bis alles Sagbare ausgesprochen war und der Klang den Rest übernahm.
Langsam fand ich wieder Mut, trotz meinen Ängsten wagte ich viele neuen Schritte. Ich bekam Urvertrauen, je mehr ich an dem Gelingen im Leben teilnahm. Das Licht, was ich trotz der Dunkelheit betrachtete, gab mir neue Wurzeln. Ich wuchs in die Höhe, je mehr meine Wurzeln sich verfestigten.
Johann Sebastian Bach wurde zu meinem imaginären Mentor. Ich darf von ihm lernen, trotz meinen Fehlern, trotz vieler Krisen, trotz der Brüche in meinem Leben. Durch seine Musik habe ich gelernt, unverdrossen daran zu glauben, dass es noch viele Möglichkeiten des GUTEN gibt. Seine humane Seite hat mich mit der realen Welt versöhnt. Statt des starren, steingemeisselten Bild des Meisters habe ich ihn mir durch seine Musik in die Gegenwart geholt. Ich bin davon überzeugt, dass Bach nicht der 5. Evangelist auf dem Sockel ist, wie viele glauben, sondern dass sich durch seine Musik ein ganz normaler Mensch zeigt, mit Fehlern, Zweifeln und Irrwegen. Für mich wurde er ein lebendiger Bach, mitten im Leben stehend, in absoluter Gegenwärtigkeit – ohne ihn in eine Ecke zu pressen, wo er sich unantastbar in seiner Heiligkeit ausruhen darf.
Wie er plötzlich noch näher zu mir kam, habe ich beim Spielen bemerkt. Die Ehrfurcht wich mit der immer intensiveren Auseinandersetzung. In dem Moment, wo ich alle Hierarchien abgebaut hatte, erschuf ich mir diesen Ort. Ein Ort der Begegnungen und der Akzeptanz – egal woher ich kam, wer ich war.
Ich durfte mich trotz meiner Niederlagen, trotz meinen Fehlern und wiederkehrenden Brüchen an diesem Ort mit ICH-Stärke aufladen, weil ich wieder so sehr an das Gute glauben konnte. Ich war an einem Ort, an dem alles gelingt, der sicher ist und frei. Für jeden zugänglich, ungeachtet von Herkunft, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht.
Ein Ort, wo wir ALL EIN sind.“
Am 1. November 1726 erschien in den „Leipziger Post-Zeitungen“ eine Anzeige, in der zu lesen war, dass „Herr Johann Sebastian Bach ein Opus Clavier Suiten zu ediren willens“ sei und „solches denen Liebhabern des Claviers wissen“ machen wolle. Noch im selben Jahr erschien eine erste Suitenkomposition, bis 1731 folgten im Jahresabstand fünf weitere Werke, die der Leipziger Thomaskantor jeweils als „Partita“ bezeichnete. Schließlich fasste Bach 1731 alle sechs Partiten nochmals in einem gemeinsamen Druck zusammen und veröffentlichte den Zyklus als Teil I seiner „Clavier-Übung“. Trotz seines gewaltigen Arbeitspensums als Thomaskantor wollte sich Bach der musikalischen Welt nicht nur als Kirchenkomponist, sondern auch als Autor anspruchsvoller Musik für Tasteninstrumente präsentieren.
Die sechs Partiten im I. Teil der „Clavier-Übung“ setzen sich zunächst recht konventionell aus den vier »klassischen« Tanzsätzen Allemande, Courante, Sarabande und Gigue zusammen. Darüber hinaus aber bringt Bach auch sehr viel Neues ein. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Form des Eingangssatzes, der nicht stereotyp als Prélude bezeichnet wird, sondern in jeder der sechs Partiten einen anderen Titel trägt und damit einem anderen Gattungsmuster folgt. Darüber hinaus überrascht Bach immer wieder mit überraschender Themengebung, mit komplexen kontrapunktischen Strukturen oder unerwarteten rhythmischen Modellen.
Am Beginn der „Clavier-Übung“ steht die Partita B-Dur (BWV 825), die sich durch eine prägnante Kürze in allen Sätzen auszeichnet. Das Praeludium wartet mit einem anmutig-festlichen Thema auf, das im Laufe des Satzes durch verschiedene Tonarten geführt wird. Es folgen eine bewegte Allemande, eine durch Triolenrhythmen geprägte Courante und eine reich verzierte Sarabande. Danach fügt Bach zwei kurze Menuets ein und präsentiert zum Schluss der Partita mit der Gigue ein Glanzstück an brillanter Geläufigkeit.
Im Rahmen seines umfangreichen Schaffens für Tasteninstrumente widmete sich Johann Sebastian Bach vielen Gattungen und Formen, darunter auch der Toccata. Dabei handelt es sich um ein sehr freies, aus dem Geist der Improvisation hervorgegangenes Instrumentalstück. Die sieben Cembalotoccaten Bachs entstanden vermutlich um 1710, also während seiner frühen Amtszeit als Weimarer Organist. Stilistisch stehen diese Werke noch ganz in der musikalischen Tradition des 17. Jahrhunderts: Kleingliedrige, kontrastierende Abschnitte, darunter virtuose Läufe, Fugati und Akkordbrechungen, wechseln sich auf engen Raum ab. Die Toccata c-Moll (BWV 911) besitzt insgesamt einen kraftvollen und ernsten Klangcharakter. Das Stück ist dreiteilig aufgebaut: Zu Beginn erklingt ein von rasanten Figuren geprägter stürmischer Abschnitt, danach schließt sich ein kurzes Adagio an, das überwiegend in einem strengen vierstimmigen Satz gehalten ist. Dieses Akkordspiel geht dann direkt in eine dreistimmige Fuge mit einem langen, aus dem c-Moll-Dreiklang entwickelten Thema über.
Die hohe Popularität von Bachs Werken für Tasteninstrumente führte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu vielen zeitgenössischen Bearbeitungen. Die herausragende Position in der Bach-Rezeption dieser Zeit nahm Ferruccio Busoni ein. Als Interpret, Bearbeiter, Schriftsteller und Herausgeber widmete er einen Großteil seines künstlerischen Schaffens dem Werk von Johann Sebastian Bach. Der gebürtige Italiener legte 1888 in Leipzig mit der Klavier-Transkription der Orgelfuge D-Dur seine erste Bach-Bearbeitung vor und stellte im Laufe der Jahre eine siebenbändigen Ausgabe mit „Übertragungen, Bearbeitungen und Nachdichtungen“ Bachscher Werke für Klavier zusammen. Aber auch die Pianisten Wilhelm Kempff und Dinu Lipati haben eindrucksvolle Bach-Bearbeitungen für Klavier erstellt.
Serra Tavsanli stammt aus der Türkei und studierte Klavier in Detmold und Leipzig.
Mitwirkende:
- Serra Tavsanli, Klavier
Programm:
- Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) / Dinu Lipati (1917 – 1955): Schafe können sicher weiden, aus der Kantate BWV 206 „Was mit behagt“
- Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) / Wilhelm Kempff (1895 – 1991): Siciliano aus der Flötensonate BWV 1031
- Johann Sebastian Bach (1685 – 1750): Partita B-Dur, Praeludium – Allemande – Corrente – Sarabande – Menuet I -Menuet II – Gigue
- Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) / Ferruccio Busoni (1866 – 1924): Choral Wachet auf, ruft uns die Stimme
- Johann Sebastian Bach (1685 – 1750): Toccata c- moll BWV 911
Videotipp: Trailer zu Serra Tavsanlis Album INNER SPACES
Dauer: 45 Minuten | Karten: 16 Euro, ermäßigt 8 Euro | Foto: Anne Hornemann
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Kirche St. Agnus
Informationen
Ermäßigungsberechtigt sind Schüler*innen, Auszubildende und Studierende, Erwerbslose und Schwerbehinderte. Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt. Schwerbehinderte mit B im Ausweis erhalten eine ermäßigte Karte, die Begleitperson erhält kostenfreien Zutritt mit einer Begleitkarte. Kostenfreie Begleit- und Kinderkarten können per Mail an tickets@bachfesttage.de und in der Köthen-Information gebucht werden. Bitte beachten Sie, dass die Veranstaltungsorte nur teilweise barrierefrei sind. Ermäßigte Tickets haben nur bei Vorlage eines entsprechenden Nachweises Gültigkeit.
Bis zum 21. März 2024 werden die ersten 20 Prozent des Kartenkontingents jedes Konzertes um 10 Prozent reduziert angeboten. Ein weiterer Rabatt in Höhe von 10 Prozent wird bis zum 31. Juli 2024 gewährt, wenn die Tickets in der Köthen-Information im Schloss erworben werden.
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